#41 Everyone is watching you

Posted by in 10 - Dezember 2011, 2011

Ausgestellt, ohne grosse Privatsphäre, immer wieder in den Medien, werden erkannt… Man könnte schon fast sagen, sie sind öffentlich! Die Rede ist wieder einmal von Menschen, Menschen wie du und ich, einfach anders. Nicht durch ihr Aussehen, nicht Zwangshaft durch ihre Leistung, zum Teil freiwillig und zum Teil unfreiwillig, ein paar von ihnen sind es von Geburt an, andere wurden es erst mit der Zeit. Manche kämpften für ihr Ziel und konnten dies mittlerweile erreichen, andere sind immer noch dran, nochmals andere werden es nie erreichen oder nicht erkennen, dass sie es schon lange erreicht haben. Wiederum andere, wurden es einfach so, ohne Anstrengung, ohne, dass sie etwas dafür taten, Ertrag ohne Aufwand könnte man behaupten. Man trifft sie manchmal auf der Strasse an, da sie aber nur ein sehr rares Vorkommen haben und möglichst nicht unter die Menschenmenge gehen möchten, sieht man sie nur selten – live. Natürlich, in jeglichen Zeitschriften, im Internet, Fernsehen, Online-Videoportalen und auf Plakaten sind sie zu sehen, doch live? Ja manchmal sehen wir sie sogar live, die Einen mehr, die anderen Weniger, je nachdem, wo sie gerade verkehren und halt machen – doch wenn es so weit ist, ist man meist nur einer unter hunderten, tausenden oder -zigtausenden Menschen. Sie verdienen viel Geld und Ruhm, haben viele Anhänger und Fans, geben Autogramme und sind auf tausenden von Bildern verewigt. Bekommen Post , Mails und Geschenke und könnten Arbeitsplätze schaffen durch Anstellung eines Managements für Fanpost – haben übrigens einige auch. Wer jetzt noch überhaupt keine Vermutung hat von welcher Spezies ich rede… Naja kann passieren, oder so. Jedenfalls schreibe ich heute über die Prominenz, prominente Personen wie Madonna, Kaya Yanar, Bill Gates oder Jackie Chan um nur einige davon zu nennen. Da es aber viel zu viele von deren gibt, beschränke ich mich auf die Schweiz, denn auch wir haben Prominente – wenn auch meist nicht weltweit bekannt. So zum Beispiel Roger Federer, Bligg (Marco Bliggensdorfer), Christa Rigozzi, Walter Andreas Müller oder Bo Katzman, das Duo Lapsus, früher noch Schmirinskis oder DJ Bobo, der gerade mit seiner neuen Tour „Las Vegas“ verkehrt. Ihr seht, auch diese Gruppe ist gross, viel zu gross um darüber zu berichten! Deshalb beschränke ich mich noch weiter, nämlich auf Schweizer Politiker – oder Politiker in der Schweiz. Das sind die Gesichter, die in letzter Zeit wochenlang an den Strassen und Bahnhöfen rumhingen, also die Plakate von ihnen. Ihre Gesichter, Aussagen und Reden werden andauernd in Zeitungen zitiert, sie sind das Sprachrohr der Nation (oder sollten zumindest) und sorgen sogar ab und zu mal für Lacher („Büüü, Büüü, Bündnerfleisch“ – siehe YouTube). Um einige genannt zu haben (ohne politischen Hintergedanken): Kathrin Bertschy, Erich Hess, Alexander Tschäppat, Ricardo Lumengo oder Müslüm – wobei letzterer eher Aufmerksam für sich erregt und nicht mit seinem wahren ICH antritt. Doch auch er, wie alle anderen, setzen sich für die Schweiz ein, für die Bevölkerung, für die Reichen wie die Armen, für die Firmen, Steuerzahler, Ausländer, Arbeiter etc., je nach Wertvorstellung. Ohne sie wäre unser Land nicht das, was es ist, egal welche Ausrichtung sie haben. Doch auch diese Gruppe ist mir noch zu gross, deshalb beschränken wir uns auf einen jungen Politiker, der gerade den Schritt in den Nationalrat geschafft hat. Ich habe nicht das Ziel meine politische Meinung hervorbringen, euch beeinflussen oder Gemüter gegen mich aufhetzen, ich erzähle nur das, was ich erlebt habe!

Es war Freitag, der 13.te, 8.00 Uhr, irgendwo in einer verlassenen Stadt in der Wüste Alaskas. Ich stand am Bahnhof und wartete auf den Zug, der einmal wöchentlich diese Strecke fuhr. Es war weit und breit niemand zu sehen, bis er aus dem Nichts erschien. Er, ein bisschen älter als ich, 3-Tage-Bart, in der Hand… eine Tasche, an Kleidung fehlte ihm nichts: Einen modischen Anzug mit weissem Hemd. Naja das Datum stimmt nicht ganz, der Ort auch nicht und der Rest ist eigentlich auch nur erfunden.
Nochmals von Anfang an, jetzt aber richtig: 8.00 Uhr, er, chic gekleidet mit Anzug und weissem Hemd, 3-Tage-Bart, eine Tasche umgeschlungen und wartend, bis die auszusteigenden Leute endlich an der frischen kalten Luft waren. Er sah sehr müde aus was er zusätzlich durch ein Gähnen bemerkbar machte. Wir stiegen ein, er setzte sich und ich tat es ihm im Abteil nebenan gleich. Er, dessen Name ich immer noch nicht gesagt habe, nahm eine Zeitung im XXL-Format, welche im Zug aufgrund ihrer Grösse völlig unpraktisch sind, hervor, blätterte durch und überflog die für ihn interessanten Artikel. Nach einer Weile legte er, Herrn Wermuth seine Zeitung weg, kramte sein Geldbeutel aus seiner Tasche, lies diese liegen und verliess das Abteil und besuchte die Metallzelle – wie ich das Zugs-WC gerne nenne. In der Zwischenzeit erschien ein Kontrolleur mit dem bekanntesten aller Zugs-Wörter (natürlich nebst „unbestimmte Verspätung, Türstörung“ und dem Satz „Ausstiegsseite in Fahrtrichtung links/rechts“): „Ticket bitte“. Somit habe ich wieder eine neue Möglichkeit entdeckt, wie ich der Ticketkontrolle entkommen kann – bislang habe ich nämlich immer gedacht, das funktioniert nicht! Nein, ich möchte ihm nicht unterstellen, dass er kein Ticket hat, er hat eins, da bin ich mir fast sicher. Trotzdem kam es mir fast ein bisschen merkwürdig vor, dass er genau in diesem Moment das WC verliess, als der Kontrolleur den Wagen verliess. Er war nun also wieder hier, setzte sich zu seiner Tasche hin und starrte in die Leere. Nebenbei gähnte er alle paar Minuten und machte nichts, einfach nichts, nichts ausser… nein, wirklich nichts. So unspektakulär, so langweilig, so, ja einfach so normal! Wie jeder andere Pendler heutzutage mit dem einzigen Unterschied, dass man ihn auf der Strasse und im Zug erkennt. Obwohl wenn ich ihn so vergleiche, sehe ich auch noch einen anderen Unterschied zu den Pendlern: Ich habe noch nie einen Pendler so müde erlebt!
Ansonsten ist er auch nur ein Mensch, was jetzt nicht abschätzend gemeint war! Ein Mensch, wie du und ich, der sogar 2. Klasse fahrt, auch wenn er sich locker den „mehr-Besseren“ anschliessen könnte (zugegeben: ich beneide euch 1. Klasse-Fahrer!), da soll doch mal jemand behaupten, er sei nicht volksnah. Er vertraute uns sogar seine Tasche an, indem er sie alleine liess. Klar, wieso sollte sich schon jemand in aller Öffentlichkeit an seine Tasche machen? – Wer weiss…

Die heutige Story ist wohl nicht sehr spektakulär! Doch wieso schreibe ich sie? Mit Zugstory möchte ich auch ein bisschen auf das Leben, auf die Menschheit, die Probleme und Erlebnisse des Pendelns aufmerksam machen und die heutige Story sollte ein kleiner Denkanstoss sein:
Dein grosser Bruder sieht dich, immer! Ob du es willst oder nicht, unerwartet und unbemerkt – in der Öffentlichkeit, im Zug, auf der Strasse, im Einkaufsladen, am Bahnhof. Doch nicht nur er, denn JEDER ist im Stande dich zu sehen, zu beobachten und so mancher macht dies auch. Schaut euch mal im Zug um, wer euch beobachtet und ihr werdet staunen.

Kurz ausgedrückt: Everyone is watching you