#35 Vitamin C für die ganze Familie

Posted by in 08 - Oktober 2011, 2011

Wo lest ihr alle eigentlich die wöchentlichen Zugstories? Zuhause? Im Geschäft? Oder etwa im Zug? Naja, da werdet ihr wahrscheinlich anderes zu lesen haben, Gratiszeitungen oder Bücher… oder die extrem spannenden Bahn-Heftchen, die in gewissen Zügen von den Bahngesellschaften zur Verfügung gestellt werden. Wer sich nun fragt, was eigentlich in diesen drin steht – nicht wirklich viel Schlaues. Sie beinhalten viel Eigenwerbung und sind meistens auch nicht sehr unterhaltend, vielleicht ist das der Grund, warum sie nicht geklaut werden. Doch was will man in so einem 30-Seitigen Druck schon schreiben? Obwohl, meiner Meinung nach dürfte man gerne pro Ausgabe ein Interview weniger abdrucken, dafür aber eine Zugstory online stellen. Doch dafür habe ich zu wenig Kontakte oder Einfluss und ob es irgendjemanden interessieren würde, wäre dann noch die andere Frage.

Jedoch habe ich diese Woche wieder einmal jemanden gefunden, der solch eine Ausgabe in die Finger bekam und darin blätterte: „Italiener? Hat es hier nichts Spannenderes drin?“, fragte er in die Allgemeinheit und warf das Heft ein Abteil nach hinten. Die Rede ist von einem ca. 10 Jahre alten Jungen, er fuhr mit seinem kleinen Bruder, der Schwester, der Mutter, dem Onkel, der Tante, dem Cousin, der Cousine, dem Gotti (Patentante), der Grossmutter und dem Grossvater Zug. Nein, ich habe nicht übertrieben, es kam mir vor wie ein erweitertes Familientreffen. Die Gesellschaft fiel mir schon beim Einsteigen ein, nicht wegen der grossen Anzahl, eher weil die Jungs beim einsteigen gebettelt haben: „Bitte fahren wir 2. Klasse, bitte, bitte, es wäre so geil“. Dass eigentlich die 1. Klasse besser wäre, entgegen dem Schulsystem, wo die 2. Klasse fortgeschrittener ist, wussten sie nicht. „Ich sitze hier“, sagte der Jüngste und sass neben mich. „Nein warte, ich will neben dich!“ und schon war er neben seiner Mutter. „Obwohl ich will auch neben ihm…“, „Stop, jetzt sitzt du hin und da bleibst du!“, schrie plötzlich die Patentante durch den ganzen Zug. Kleinlaut setzte er sich nun mit seiner grossen Schwester in das Abteil nebenan und schaute zum Fenster hinaus. Der 10-jährige Junge sass mir mit seinem 6-jährigen Bruder gegenüber und neben mir fand auch die Patentante ihren Platz. Die anderen verteilten sich auf andere Abteile.
Der 6-jährige Junge schaute hinaus und winkte einem vorbeifahrenden Güterzug in der Hoffnung, dass jemand zurück winkt – ein Versuch ist’s wert. „Levi Fuss runter!“, schrie die Patentante zum 6-jährigen, „du weisst genau, dass du das nicht darfst!“. „Aber wieso?“, fragte er sie, ohne dabei eine Antwort zu erhalten. Die Schwester meldete sich lautstark zu Wort: „Ein Wuffwuff!“, die Kinder sprangen auf und drückten ihre Gesichter an die Scheiben, um den Hund zu sehen. Darauf die Mutter ganz rhetorisch: „Habt ihr noch nie einen Hund gesehen? Schlimm!“. Auf diesen Satz hin schauten sich die Kinder an und fingen demonstrativ an, wuffwuff durch den ganzen Zug zu schreiben, bis die Patentante sie schliesslich bat, damit aufzuhören mit der Anmerkung, dass die Kinder in einer Psycho-Anstalt wahrscheinlich besser aufgehoben wären.
Der 6-jährige, welcher übrigens Levi hiess – nahm sich eine Klementine aus der Tasche der Mutter und bat seine Schwester sie für ihn zu schälen. Nach getaner Arbeit, nahm er sie an sich und schlang sie herunter. Doch wie Kinder nun mal so sind, können sie nicht den einen nach dem anderen Klementinen-Schnitz essen, sondern alle gleichzeitig. Plötzlich verspürte ich Nässe auf meinem Knie, der Grund, wie vorhin angedeutet, die Klementine! Angenehmes Gefühl, doch ich blieb ruhig und regte mich nur innerlich darüber. Froh darüber, endlich in meinem Dorf angekommen zu sein, stand ich auf und verliess den Zug, den wahrscheinlichen ironischen Kommentar vom Grossvater zu den Kindern, bekam ich jedoch noch gerade mit: „Der ist nur wegen euch gegangen“. Bin ich war nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass Personen mit strapazierten Nerven genau dies getan hätten, doch eben, ich bin viel zu kinderlieb und möchte noch ein bisschen Action bei meiner täglichen Zugfahrt.

Mit nassem Knie und der Erkenntnis, dass das Zugsheft wirklich für nichts taugt, lief ich nach Hause und machte mir Gedanken darüber, ob ich es später mal den Leuten wirklich antun will, mit meinen Kindern Zug zu fahren. Doch wer weiss, bis es soweit ist, kann es noch lange gehen…

Ich möchte mich hiermit noch entschuldigen, falls bei den Stories ab und zu mal ein paar Rechtschreibfehler vorkommen, doch meine Rechtschreib-Prüfungssoftware ist auch nicht das Beste, zum Beispiel schlägt es anstelle von Patentante folgendes vor: Patenttante
WP meldete als Verbesserungsvorschlag für Patentante übrigens: Patenente
Na dann, schöne Woche =)